::: 04. November 2006
Comic Sans – Geißel der Typographie
1994 entwickelte Microsoft die comicartige Systemoberfläche »MS Bob« für Computeranfänger, Kinder und all jene, die durch Windows 3.1 täglich an den Rand des Wahnsinns getrieben wurden. Direkt aus der Chefetage war das launige Projekt an Melinda French (damals frisch verbandelt mit Bill Gates) übertragen worden [wir berichteten mehrfach].
Per Sprechblasentext und lustigen bunten Comicfiguren sollte dem Anwender die Handhabung seines Computers erleichtert werden. Der Sprechtext wurde dazu in der allerdings weniger lustigen Times New Roman gesetzt. Als geeigneterer Ersatz wurde die Comic Sans entwickelt. Das gesamte Bob-Projekt war ein kompletter Fehlschlag. Warum überhaupt 30.000 Stück abgesetzt werden konnten ist bis heute ein Rätsel. Eine der Figuren, Rover der Hund, findet sich aber heute noch in der Suchfunktion von Windows XP.
Die Comic Sans wurde dem normalen Windows-Betriebssystem beigegeben. Als einzige Comic-artige Schrift im Schriftenordner trat sie nun jedoch einen Siegeszug im Print- und Medienbereich an. Dabei war sie so erfolgreich, dass man sie heutzutage sogar auf Kondolenzkärtchen und Toilettentüren findet. Selbst der Geschäftsbericht der Medizinischen Fakultät der Universität Basel [PDF] wurde komplett (!) damit erstellt – der Sinn bleibt im Dunkeln.
AuchApple ließ sich vom Erfolg anstecken, und entwickelte Jahre später die zum Verwechseln ähnliche Schrift Chalkboard. Es war wohl das einzige Mal, dass Apple gestalterische Anleihen bei Microsoft nahm- wenngleich die Chalkboard schon einen gewissen Fortschritt darstellt.
Tatsächlich ist die Typografie der Comic Sans nicht besonders aufregend, eher erinnert sie entfernt an die Normschrift für technische Illustrationen oder an Schreibübungen in Blockschrift. Unser Kindergarten ist mittlerweile mit viel Erfolg zur Creative Block gewechselt, das örtliche Bergische Freilichtmuseum Lindlar konnte dagegen noch nicht vollständig überzeugt werden.
Eigentlich sollte die Comic Sans nur zur Bildschirmdarstellung in kleinen Größen dienen. Als Comicschrift ist sie bestenfalls ein Notbehelf. Durch die starke Verbreitung vorwiegend durch Nichtgrafiker verwundert es nicht, dass gerade diese Schrift mittlerweile zu einer deutlichen Gegenbewegung geführt hat. Schriften wie die ”I hate comic sans” und Webseiten wie bancomicsans.com sprechen eine deutliche Sprache und scheuen sich nicht, die Wirkung der Comic Sans auf den häuslichen Frieden zu thematisieren:
Doch egal, ob man diese Schrift nun trashig (wie ich) oder kultig (wie viele andere) findet, wirklich gute allgemeine und spezialisierte Comicschriften finden sich zuhauf im Internet. Eine hervorragende Anlaufstelle ist blambot.com . Hier finden sich neben Links zu weiteren Ressourcen eine Vielzahl hervorragend gestalteter Comicschriften für alle Gelegenheiten. Die kommerziellen, aber durchaus bezahlbaren Zeichensätze beinhalten alle notwendigen internationalen Zeichen, also auch unsere Umlaute und das ß. Bei den kostenlosen Schriften muss man sich seine Umlautpunkte bei Bedarf von Hand selbst machen.
Eine weitere gute Schriftenquelle ist myfonts.com. Diese Website bietet sogar eine einzigartige Besonderheit: man kann sich hier einen Schriften-Podcast abonnieren, der täglich einen ausgesuchten Zeichensatz auf den heimischen Rechner liefert.
Also keine Ausrede mehr für den Einsatz von Comic Sans! Beweisen Sie beim nächsten Kindergeburtstag Fantasie und beeindrucken Sie Eltern und Kinder z.B. mit der Curlz oder der Giddyup:
(Umberto Eco)
I don't do .INI, .BAT, or .SYS files. I don't assign apps to files. I don't configure peripherals or networks before using them. I have a computer to do all that. I have a Macintosh, not a hobby.
(Fritz Anderson)
Mir doch Blunzn, was für ein Prozessor drin ist, solange ein Apple drumrum ist!
(Jacqueline Godany)
Ich bin ein Bewohner des digitalen kleinen gallischen Dorfs. Ein Mac-User. Ich habe ein Betriebssystem, das nach einem Raubtier benannt ist, nicht nach einem Rind.
(Peter Glaser)
Never ask a man what kind of computer he drives. If its a Mac, he'll tell you. If not, why embarrass him?
(Tom Clancy)
It is true that I have a great admiration for the elegances and brilliances that have emerged from my favourite address in the world: 1 Infinite Loop, Cupertino, California, the home of Apple Computers.
(Stephen Fry)
The Macintosh may only have
10532,535 % of the market, but it is clearly the top10532,535 %!(Douglas Adams)
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